Christsein in Zeiten des Krieges

Ein Land zerfällt, versinkt in Not und Verzweiflung. In seinem aktuellen Bericht zur Lage in Syrien zeichnet das Flüchtlingshilfswerk Jesuit Refugee Service (JRS) das Bild einer sich verschärfenden humanitären Katastrophe. „Wir gehen heute davon aus, dass seit Ausbruch des Konflikts rund 150.000 Menschen ums Leben gekommen sind,” so Nawras Sammour SJ, Regional Director des JRS im Mittleren Osten. Hinzu komme das Flüchtlingsdrama: Nach Schätzungen der im Land aktiven Hilfswerke seien bisher 4.5 Millionen Syrer innerhalb des Landes vertrieben worden, mindestens 1.5 Millionen weitere Menschen hätten Zuflucht in den Nachbarstaaten gesucht. Viele von ihnen seien auf humanitäre Hilfe wie Nahrungsmittel, Unterkunft und Medikamente angewiesen. „Vom rationalen Standpunkt aus betrachtet ist die Lage verzweifelt”, so Peter Balleis SJ, International Director des JRS. „Aber als Christen dürfen wir uns damit nicht abfinden.”

Hilfsdienste arbeiten eng zusammen

Bei seinem Einsatz für Bürgerkriegsopfer mache der JRS keine Unterschiede, betont Balleis. Den Betroffenen werde Unterstützung unabhängig von ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit gewährt – dies mit voller Rückendeckung des Papstes. Beim JRS selber arbeiten Christen und Muslime in Syrien eng zusammen. Laut Balleis sind die Hälfte der rund 600 JRS-Mitarbeiter Muslime.

In Kooperation mit anderen christlichen Organisationen und Spendenpartnern, darunter der Caritas, sowie mehreren islamischen Einrichtungen versorgt das JRS heute mehr als 100.000 hilfsbedürftige Menschen in Damaskus, Homs und Aleppo sowie in den ländlichen Gebieten rund um diese Städte. Der Flüchtlingsdienst ist auch in sehr gefährlichen Gebieten aktiv, etwa im Norden oder in Duma, einem umkämpften Außenbezirk von Damaskus. „Unsere Teams sind sich darüber im Klaren, dass sie in Ausübung ihrer Arbeit immer wieder ihr Leben riskieren, vor allem bei Fahrten von Stadt zu Stadt”, berichtet Pater Nawras Sammour SJ.

Dank dem zuverlässigen Helfer-Netzwerk engagiert sich der JRS in Syrien vor allem auf drei Feldern:

- Ernährung: An 9.000 Familien mit durchschnittlich sieben Mitgliedern werden Lebensmittelpakete ausgegeben. Wenn möglich, erkunden die Helferinnern und Helfer bei ihren Besuchen bei Familien, wer die Hilfe am Dringendsten benötigt. Der JRS rechnet mit monatlich 700 weiteren Familien, die mit Lebensmitteln versorgt werden müssen. In den nördlichen Regionen werden heute bereits Essensrationen an rund 25.000 Personen verteilt. Drei Feldküchen versorgen außerdem täglich Tausende Menschen mit einer warmen Mahlzeit: 17.000 in Aleppo, 1.500 in Damaskus und nochmals 1.500 im ländlichen Umkreis von Damaskus. Heimatvertriebene Familien erhalten zudem Sachgüter wie Matratzen oder Kocher, ebenso warme Kleidung und Decken für den Winter.

- Gesundheit: Das syrische Gesundheitswesen ist fast komplett zusammengebrochen. Soweit medizinische Behandlungen überhaupt noch angeboten werden, sind sie meist unbezahlbar. Der JRS kümmert sich daher besonders um Patienten mit chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck und um Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. Mit Genehmigung der Behörden errichtet der JRS derzeit eine Klinik in Aleppo; dort sind die meisten Ärzte bereits geflüchtet. In Damaskus unterhält der JRS eine kleine Ambulanz, in Homs werden Medikamente ausgegeben. Leider hat der Flüchtlingsdienst keine finanziellen Mittel, um auch krebskranke Patienten zu versorgen, da die Behandlungskosten zu hoch sind.

- Psychosoziale Hilfe: In Aleppo, Damaskus, Homs und Latakia bietet der JRS in geschützten Bereichen etwa 4.800 Kindern aus sunnitischen, alawitischen und christlichen Familien psychosoziale Unterstützung und interaktive Bildungsangebote an.

Zur Lage der Christen

Die christliche Glaubensgemeinschaft in Syrien kann auf eine 2000 Jahre alte Tradition zurückblicken. Das Spektrum der im Land verwurzelten Kirchen umfasst armenische, melchitische, syrische, chaldäische, maronitische und römisch-katholische Gemeinden. In diesen Zeiten des Krieges hegen viele ethnische, sprachliche und religiöse Minderheiten die Furcht, benachteiligt und diskriminiert zu werden, wie der JRS berichtet. „Zu diesen Minderheiten gehören zweifellos auch die Christen. Obwohl bisher nicht Zielscheibe in diesem Konflikt, fühlen auch sie sich angesichts der Ereignisse unsicher und schutzlos.” Nicht zuletzt der Ruf einiger Rebellengruppen nach stärkerer Islamisierung und Einführung der Scharia lasse viele Christen immer mehr daran zweifeln, ob sie noch eine Zukunft in Syrien haben.
Eine machtlose Minderheit zu sein, eröffnet den Christen im Lande zugleich Chancen, wie der JRS betont. Denn für Menschen in Not einzutreten, unterschiedslos zu helfen, all dies sei schon für sich genommen ein Zeichen der Hoffnung, das von jedermann anerkannt und verstanden werden könne. „Wenn alle Hoffnung und jeglicher Sinn verloren zu sein scheinen, können humanitäre Dienste zum Zeichen des Mitleids Gottes werden, jenseits der tragischen Realität sinnloser Gewalt und sinnlosen Tötens. Solche Barmherzigkeit, die misericordia Dei, ist der wichtigste Beitrag, den Christen leisten können,” so Pater Balleis im Namen des JRS.

Vertrauen gewinnen

Die Verantwortlichen des Flüchtlingsdienstes sind überzeugt: Orientieren die Christen sich in ihrem Handeln am Evangelium und den international anerkannten humanitären Prinzipien der Neutralität und der Unparteilichkeit, dann können sie – gemeinsam mit Muslimen guten Willens – das Vertrauen anderer im Land gewinnen.
Auf der Basis von Neutralität und Unparteilichkeit ist es dem JRS und weiteren kirchlichen Partnern bereits gelungen, mit Muslimen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammenzuarbeiten und über bestehende Frontlinien hinweg zu helfen. Als schwache, aber humanitär aktive Minderheit könnten Christen eine bedeutende Rolle im Land spielen, gerade weil sie keine eigene Macht besitzen und keine der Kriegsparteien bedrohen, heißt es beim JRS. Unter christlicher Führung könnten womöglich Verhandlungslösungen auf den Weg gebracht werden, die das sinnlose Blutvergießen beenden.

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