Die beiden Regenfänger von Indien

Landfrauen pflanzen Bananensetzlinge. Wasser ist Sache der Frauen. Durch Mitwirkung und Mitsprache in den Projekten verbessert sich ihre gesellschaftliche Stellung merklich.

Eine Zukunft für verarmte Kleinbauern

Roland Frutig (63) ist seit 2007 in der Entwicklungszusammenarbeit mit Indien und Afrika engagiert. Der studierte Jurist aus Lobsigen BE hat sich eingehend mit der Entwicklung von Wasserprojekten beschäftigt, insbesondere jenen von Hermann Bacher SJ im westindischen Bundesstaat Maharashtra. Im Folgenden gibt Frutig einen Einblick in Bachers Wirken sowie das aktuelle jesuitische Projekt in Karanji/Maharashtra, in das er grosse Hoffnungen setzt.  

Herr Frutig, wann sind Sie zum ersten Mal auf Pater Bacher gestossen?

2007, bei meiner ersten Projektarbeit in Indien, kam ich in eine Dorfschule mit einem riesigen Wandbild seines Porträts. Pater Bacher war omnipräsent, auch wenn er nicht mehr da war.  Wenn immer ich im Bundesstaat Maharashtra mit Watershed-Development-Projekten zu tun hatte, fiel sein Name. In Regierungskreisen, bei Hilfswerken, bei einfachen Leuten.

Hermann Bacher wird als Vater von Watershed bezeichnet. Würden Sie dem zustimmen?   

Das kann man mit Fug und Recht sagen. Er war nicht der einzige, aber der erste, der es fertigbrachte, Menschen auf allen Ebenen und durch alle Widerstände hindurch zusammen zu bringen. Daraus entstanden viele kleine und auch grosse Projekte, namentlich das Indo-German Watershed-Development-Programm, das von der Deutschen Regierung finanziert und vom der Indischen Regierung multipliziert wurde. Bacher erhielt dafür 1994 das deutsche Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Pater Bacher gilt als Pionier der modernen Entwicklungshilfe in ländlichen Regionen.Was zeichnet ihn aus?

Als wichtigstes: Er hat die Projekte mit den Betroffenen erarbeitet. Bis heute kommt man zu oft von aussen, hat eine Top-Down-Betrachtungsweise, sucht Lösungsansätze nicht mit den Betroffenen. Ganz anders Bacher. Er fuhr am Abend mit dem Velo in die Dörfer und sass mit den Menschen bis in die Nacht zusammen. Und nicht am Tag, wenn die Bauern alle Hände voll zu tun haben. Ein Zeichen von Respekt, wie auch das Erlernen der Landessprache – Bacher konnte schnell fliessend Marathi sprechen. Er fand stets den richtigen Ton und schaffte es auch, sich aus Umklammerungen freizumachen.

Welcher Art von Umklammerung?

Maharashtras Politik war zu jener Zeit von der Zuckerrohr-Industrie beherrscht. Da war es nicht immer einfach, die nötige Distanz zu wahren. Dafür erntete Bacher teils auch Kritik in den eigenen Reihen. Doch Bacher liess sich nicht verbiegen und rang von Politikern immer wieder Zugeständnisse ab für „seine“ Kleinbauern in den abgelegenen Hügeln Maharashtras, die im extrem trockenen Regenschatten der Western Ghats liegen.

Mit Watershed gelingt es, Wüsten fruchtbar zu machen. Wie funktioniert das?

Die spärlichen, aber meist heftigen Regenfälle werden an den Hängen in kilometerlangen Gräben vom Kamm bis ins Tal aufgefangen, ebenso bei Gelände-Einschnitten mittels kleiner Staumauern. So kann der Fluss des Wassers gebremst, die Erosion gestoppt, die Versickerung verbessert und die Grundwasservorkommen wieder gefüllt werden. Das sind zentrale   Voraussetzungen, um den Nährstoffkreislauf im Boden auf Trab zu bringen und mit der Begrünung beginnen zu können.

Was macht Watershed so wirkungsvoll und nachhaltig?

Die Arbeiten werden systematisch für ein ganzes Dorf, ja ein ganzes Wasser-Einzugsgebiet mit den Ansässigen geplant und von ihnen selber ausgeführt. Sie müssen Bescheid wissen, wie natürliche Kreisläufe funktionieren und weshalb es zu einer Degradierung der Landschaften gekommen ist. Nur so sind nachhaltige Systeme wie Watershed-Development-Projekte nachhaltig.

Hermann Bacher kennt von seiner Heimat Wallis her die Bewässerung mittels Suonen. Kann man Suonen mit Watershed vergleichen? 

Durchaus. Die Suonen-Rinnen entlang von Berghängen bilden ein Jahrhunderte altes Auffang- und Verteilsystem, um Weiden und Felder zu bewässern, die sonst vertrocknen. Bacher ist sehr belesen, er weiss auch über die strukturierten Kulturlandschaften Asiens Bescheid; über die Reis-Terrassen etwa, ein Paradebeispiel seit Jahrtausenden.

2008 kehrte Pater Bacher 84-jährig zurück, er lebt heute im Altersheim der Jesuiten in Basel. Was blieb von seinem Wirken

In Regionen, wo er vor 25 Jahren begann, gibt es wesentlich mehr Bäume und Vegetation, und die Menschen erlebten einen spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung. Nun müssten die Projekte weiterentwickelt werden. Bacher gründete zudem zwei wichtige Hilfswerke: 1969 das Social Center in der Distrikthauptstadt Ahmednagar und 1993 die Organisation WOTR.

Sie leisten für beide Werke Projektarbeit. Ist Bachers Watershed-Saat aufgegangen?

Heute ist Crispino Lobo Leiter von WOTR, einst jesuitischer Weggefährte Bachers. Crispino Lobo trat aus dem Orden aus, heiratete eine Ärztin und verantwortet mit ihr und 200 Mitarbeitenden umfassende Entwicklungsprojekte – dies mittlerweile in acht indischen Bundesstaaten und sechs Ländern Afrikas. WOTR unterhält insbesondere auch Projekte für Frauen, die eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Wandel spielen. Dies ist auch die Stossrichtung des Social Centers Ahmednagar mit seinen Gesundheits-, Frauen- und Waisenkinder-Projekten. Bacher hat hier eng mit der deutschen Ärztin Ute Werkmeister zusammengearbeitet, die den Sozialprojekten ein starkes Profil gab. Schade nur, dass die Watershed Development-Projekte bei den Jesuiten an Bedeutung verloren haben.

Warum ist das so?

Ich denke, die Nachfolge von dominanten Führungspersönlichkeiten ist immer ein Problem. Und es fehlt an einem klaren Bekenntnis für die Projekte. Dabei hat Papst Franziskus – auch er Jesuit – mit Laudato si’ ein starkes Zeichen gesetzt und mehr ökologisches Engagement verlangt.

Immerhin gibt es noch das von Jesuiten geleiteten Projekt Karanji, unterstützt von der Leopold Bachmann-Stiftung und JWW. Was können Sie uns berichten?

Ich bin seit drei Jahren in diesem Projekt involviert. Karanji ist ein Dorf 380 Kilometer nordöstlich von Mumbai und zählt rund 3000 Einwohner. Die Wälder wurden abgeholzt, und falsche Landwirtschaftspraktiken haben den Klimawandel verstärkt. Es gibt wenig Vegetation, kaum mehr Wasser, steinige, unfruchtbare Böden, kaum Humus. Nach anfänglich grossen Widerständen sind wir nun daran, Musterbeispiele für Agroforstsysteme zu entwickeln.

Agroforstsysteme basieren auf Bäume und Pflanzen, die man – einmal als Setzlinge gekauft – selber reproduzieren kann. Wie gehen Sie konkret vor?

Mit Hilfe des erfahrenen Bauern Vetri legten wir drei Felder von 2000 Quadratmetern an, bestückt mit 22 in ihrer Entwicklung genau abgestimmten Pflanzen wie Bananen, Granatäpfeln, Mango, Guava, Moringa, Kurkuma, verschiedenen Linsen- und Bohnen, Baumwolle, Sesam, Chillis, Kürbis, Okra, Gurken. Die Felder sind mit einem lebendigen Zaun aus verschiedenen, rasch wachsenden Pflanzen umgeben, die Insekten und Vögel anziehen. Das einzige, was wir dazugeben, ist Wasser und eine fermentierte Mischung aus Kuhdung und -Urin, Palmzucker, Erbsenmehl und lokale Erde.

Woher nehmen Sie das Wasser?

Wir benutzen Grundwasser aus einer Bohrung und bewässern mit dem Sprayschlauch, der den Regen nachahmt. Entgegen der landläufigen Meinung ist das viel effizienter als Tropfbewässerung: Im Schnitt bewässern wir wöchentlich nur drei Mal während zehn Minuten. Rasch wachsende Pflanzen wie Bananen sind dabei sehr hilfreich: Sie sorgen für einen konstanten Wasserkreislauf durch Verdunstung und Kondensation und bilden viel Biomasse in kurzer Zeit, was dem Boden zugutekommt.

Wie weit sind Sie mit dem Agroforstprojekt?

Wir haben im Juli 2018 begonnen. Bei meinem letzten Besuch im Januar waren viele Pflanzen schon grösser als ich und von einer Dichte und Gesundheit – eine wahre Freude. Zudem hatten die Bauern bereits zahlreiche Ernten eingefahren und sind entsprechend zufrieden.

Und wie haben Sie die Bevölkerung miteinbezogen?

Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Landwirtschaftliche Praktiken zu verändern, ist schwierig. Wir haben drei Persönlichkeiten der Region mobilisieren können, die uns helfen, und nach anfänglicher Skepsis sehen die Bauern nun die Erfolge. Bereits haben sich 15 Familienverbände gemeldet, die diese Methode anwenden wollen – verarmte Kleinbauern, die bisher mehr schlecht als recht von der Substitut-Landwirtschaft lebten.  

Wo liegt das Potential von Karanji?  

Mit Karanji können wir beweisen, dass Kleinbauern selbst in Regionen mit degradierten Böden und extrem wenig Regen ihre Situation grundlegend verändern können. Damit erhalten ländliche Regionen wieder eine Zukunft. Damit kann auch Migration und Klimawandel, für mich ein absolut verharmlosender Begriff, bekämpft werden.

Die schwere Last und grosse Chance der Frauen

Wasser ist in Afrika und Indien Frauensache. Was heisst das genau?

Frauen und Mädchen sind verantwortlich für das Wasser der Familie. Sie gehen zum Brunnen, müssen es herantragen – bei anhaltender Dürre ist der nächste Brunnen oft fünf, manchmal auch zehn Kilometer entfernt. Damit ist das halbe Tagewerk schon dahin. Wir beobachten immer wieder, dass sich deshalb gerade die Frauen in unseren Projekten in besonderem Masse engagieren.

Pickeln Frauen buchstäblich intensiver?

Ja, so kann man das sagen. Wir arbeiten wie erwähnt stets mit den Betroffenen zusammen, die als erste Massnahme in der Trockenzeit Gräben anlegen und Dämme bauen. Bezahlt wird per Laufmeter und Aushub. Und auf einmal sind es die Frauen, die mehr Geld heimbringen als die Männer. Bauarbeiterinnen sind in Indien und auch anderswo im globalen Süden oftmals viel schlechter bezahlt als Männer – plötzlich aber sind sie es, die wirtschaftlich stärker sind. Ihr Stellenwert steigt, das spiegelt sich auch an unseren Versammlungen wieder.  

Wie denn?

Beim ersten Dorftreffen sitzen die Männer vorne, die Frauen hinten. Kommen wir drei Monate später wieder, sitzen die Frauen neben den Männern. Unsere Kontakte gehen weiter, und wenn wir erneut anreisen und die Menschen zusammenrufen, sitzen auf einmal die Frauen vorne. Ich habe erlebt, dass Frauen auch zunehmend Organisationsaufgaben übernehmen, Arbeitsteams zusammenstellen, um die Werkzeuge jedes einzelnen besorgt sind – wir würden sagen, Vorarbeiterfunktionen ausüben. Die Entwicklung ist interessant. Ich habe auch beobachten können, dass Frauen mit der Zeit ganze Arbeitsteams leiten, in der Gemeindeverwaltung Aufgaben übernehmen, in den Gemeinderat und als Dorfvorsteherinnen gewählt werden. Einmal durften wir miterleben, wie eine Frau nach der anderen in den Gemeindevorstand gewählt wurde, bis das Gremium nur noch aus Frauen bestand. Mitgeholfen hat sicherlich, dass die eine die Ehefrau eines hochrangigen Beamten war. Eindrücklich war die Entwicklung trotzdem – oder erst recht.   

Interview Pia Seiler

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