Syrische Frauen schöpfen Hoffnung

„Ich bin keine Analphabetin mehr, ich bin ein Mensch“ – Amina Haj-Hussain, 36.

Ob Christinnen und Christen, Anders- oder Nichtgläubige: Wer in den drei neu aufgebauten Zentren des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Syrien anklopft, dem stehen 65 Mitarbeitende zur Seite – Jesuiten, Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Psychologinnen, Freiwillige. Mit einer Mahlzeit, mit Kleidung für den Winter, mit Basisunterricht für die Kinder und Workshops für die Erwachsenen. Und mit Lese- und Schreibkursen für die Frauen. Im Gegensatz zu den oft gut gebildeten syrischen Städterinnen sind Frauen von ländlichen Gebieten Syriens häufig Analphabetinnen.

Auch wenn ein Friedensschluss in Syrien noch nicht in Sicht ist, sind die drei Zentren des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes Zeichen der Hoffnung und des Wiederaufbaus. Sie befinden sich übers Land verteilt in der Hauptstadt Damaskus, in Aleppo und im ländlichen Al-Kafroun. Im Folgenden die Berichte von zwei Syrerinnen, die Mut gefasst haben, Lesen und Schreiben zu lernen. Und noch so vieles mehr für sich, für ihre Kinder, für ihr Leben nach dem Krieg.

«Ich bin innerlich losgerannt»

Aleppo: Amina Haj-Hussain ist Absolventin des ersten JRS-Alphabetisierungskurses

Amina Haj-Hussain hält mit 36 Jahren ihren ersten richtigen Schreibstift in der Hand: Seit Sommer 2018 kann sie schreiben, «richtig schreiben», sagt die Absolventin des ersten Lese- und Schreibkurses des JRS-Nachbarschaftszentrums in Aleppo. «Ich bin keine Analphabetin mehr. Ich kann meinen Namen buchstabieren, unterschreiben, die Zeitung lesen, ich brauche auch keinen mehr, der den Beipackzettel von Medikamenten vorliest.» Ihre Lippen formen sich zu einem breiten, stummen Lächeln, ihre Augen, tief braun und dunkel umrundet, sprechen Bände.

Die Syrerin hat einen langen Weg hinter sich. Sie stammt aus Aleppo, wuchs mit zwei Brüdern und Schwestern im Stadtteil Al-Sakhour in traditionellen Verhältnissen auf. Den drei Mädchen blieb eine Bildung verwehrt. «Die Eltern nahmen uns jegliche Hoffnung auf die Schule. Wir waren verstrickt in einer Tradition, die es als schändlich betrachtet, wenn Mädchen zur Schule gehen und einen Abschluss machen.»

Al-Sakhour: einer der Orte dieses Krieges mit trauriger Berühmtheit. Die Luftangriffe auf Aleppo begannen Ende 2013, galten immer wieder dem Stadtteil, zerstörten Wohngebiete, Märkte, Buslinien, medizinische Einrichtungen. Als nach gezielten Angriffen auch die Al-Sakhour-Klinik den Dienst einstellen musste, war Aminas Familie längst geflohen. «Wir hielten die Belagerung nicht mehr aus. Die Bomben, Granaten, die permanente Angst und Lähmung, morgens aufzustehen, ganz zu schweigen vom Mangel an Wasser und Nahrung.»

Die Familie flüchtete in die 220 Kilometer entfernte syrische Hafenstadt Tartous. Das Ersparte reichte für die Miete einer Bleibe, der Vater verdiente als Handlanger etwas dazu. Viel schlimmer als die materielle Not war die Ungewissheit über den Verbleib der Brüder, die in Gefangenschaft geraten waren. «Die Vorstellung, beide zu verlieren, raubte mir fast den Verstand.» Der Vater überlebte nicht. Gesundheitlich und psychisch angeschlagen, starb er vor zwei Jahren im Exil. Der eine Sohn kehrte schliesslich heim und blieb in Tartous. Der andere wurde zu Tode gefoltert.

Heute lebt Amina Haj-Hussain mit Mutter und Schwestern wieder im Haus in Al-Sakhour, Regierungstruppen sorgen für relative Ruhe. «Wir sind zurückgekommen, um unser Leben wieder zu finden – aber es ist leer.» Sie weiss um ihre Verantwortung, sucht hier und dort Arbeit, bekommt manchmal einen Gelegenheitsjob. Noch nie sei ihr so klar geworden, wie wichtig es ist, lesen und schreiben zu können. «Ich bin keine Analphabetin mehr», sagt sie noch einmal, «ich bin ein Mensch. Und wenn ich ein Zertifikat habe, kann ich einen anständigen Job finden.» Sie ist unverheiratet geblieben. Heirat bedeutet in ihrer Tradition, sich dem Willen eines Mannes zu beugen, der ihr erneut eine Schulbildung verwehren würde.

Genau erinnert sie sich an den Tag, als sie vom Kurs im JRS-Sozialzentrum hörte. «Ich bin innerlich losgerannt, wollte die Erste sein. Dieser Kurs war der Schlüssel zum Leben. Ich musste nur wirklich loslaufen, mich anmelden, die Tür zum Zentrum aufmachen.» Sie tat es, ohne ihre Mutter zu informieren. Die Tradition bricht man nicht so leicht. «Ich sagte es ihr erst, als ich schon angefangen hatte», sagt Amina Haj-Hussain und zeigt ihre Kursbestätigung. «Es ist wie ein Lichtstrahl in tiefer Dunkelheit. Ich sah den Strahl schon als kleines Mädchen, ich muss ihm folgen.»   

 JRS Syrien hat keine Nachricht mehr von Amina. Sie hat das Zentrum nicht mehr aufgesucht oder nicht mehr aufsuchen können.

«Nur keine Kopie von mir»

Al-Kafroun: Fayza Tahan wird zur Schülerin wie ihre Kinder

So hat sich Fayza Tahan ihr Leben nicht vorgestellt: allein und entwurzelt mit fünf Kindern im syrischen Dorf Al-Kafroun nahe der Grenze zum Libanon. Die älteste Tochter ist 13, die jüngste 6 und ihre Heimat liegt im Norden von Syrien 200 Kilometer entfernt – dazwischen eine ganze Welt.

Seit Kriegsbeginn 2011 ist sie zweimal umgezogen. Das erste Mal nur wenige Kilometer von ihrem Dorf bei Aleppo in den Westteil der Stadt, zusammen mit ihrem Ehemann auf der Flucht vor dem Krieg. Mit weiteren Vertriebenen und Angehörigen fanden sie Zuflucht in einer Schule, wo die Kinder auch gleich den Unterricht besuchen konnten, «es war die einzige noch offene Schule weit und breit». Dann passierte, was Fayza nicht aufhalten konnte: Ihr Mann wandte sich einer anderen Frau zu, heiratete, zog weg in den Süden nach Al-Kafroun. «Es brach mir das Herz. Als gebrochene Frau musste ich fortan die Kinder allein grossziehen. Wir waren zwar noch Teil der Grossfamilie, doch meine Verwandten waren ausserstande, für das Leben aller aufzukommen.»

Den zweiten Umzug musste sie sich hart abringen. Sie beschloss, mit ihren Kindern in die Gegend zu ziehen, wo ihr Exmann als Vorsteher eines Bauernhofes arbeitet und mit der neuen kleinen Familie lebt. «Ich habe diese hässliche Wahrheit um meiner Kinder willen akzeptiert», sagt sie. Hilfe kam von unerwarteter Seite: In Al-Kafroun betreibt der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ein Zentrum, «ein Glück für meine Kinder». Sie meldete die ältesten drei für den Basisunterricht, alle fünf für die Freizeitprogramme – und sich selber für den Alphabetisierungskurs an.

Die 41-Jährige fand Arbeit als Putzfrau und Hausmeisterin in Privathäusern. Das verdiente Geld reicht knapp für das Notwendigste. «Jede Mutter kann sich vorstellen, was es heisst, wenn ein Kind sie fragt, am Abend eine Kleinigkeit, eine Nascherei mitzubringen – und ich das einfach nicht bezahlen kann.» Umso wichtiger ist für sie, mittlerweile lesen, schreiben und auch rechnen zu können wie ihre ältesten Kinder. «Alles, was ich immer wollte, kann ich heute: die Anzeigen im Minibus lesen, ein Mobiltelefon benutzen, damit sogar Textnachrichten schreiben.» Und eines verfolgt Fayza Tahan mit grosser Vehemenz: «Ich will, dass meine Töchter ihre Ausbildung fortsetzen. Ich will nicht, dass sie eine Kopie von mir werden.

Spendenbitte

Noch ist der Frieden in Syrien nicht sicher, noch sind Millionen Menschen auf der Flucht. Doch die ersten wagen heimzukehren und Fuss zu fassen. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst unterstützt sie dabei: Drei neue, auf Syrien verteilte Zentren sind entstanden, wo zurzeit 1000 Kinder und 300 Frauen Schutz finden. Viele der Frauen, die anklopfen, stammen vom Land und sind Analphabetinnen. Im geschützten Raum der Zentren lernen sie unter anderem auch lesen und schreiben – und können endlich selber die Beipackzettel von Medikamenten, die Tafeln im Bus, die Anzeigen für Hilfsjobs lesen. Häufig sind die Männer abwesend; sie sind tot, im Krieg, anderswo auf Arbeitssuche. Die Frauen tragen grosse Verantwortung – jetzt und in Zukunft.

Helfen Sie mit, ermöglichen Sie den Frauen den Zugang zu den drei Nachbarschaftszentren in ­Syrien, die für sie weit mehr sind als ein Kursort. Von Herzen dankt

Toni Kurmann SJ, Missionsprokurator

Die vollständige Berichterstattung zu unserer Weihnachts-Spendenbitte finden Sie im Weihnachtsmagazin von Jesuiten Weltweit 4/ 2018.

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