Behindertenarbeit in Ägypten

Armut, aber auch Unwissen ist schuld daran, dass in Ägypten Menschen wegen ihrer Behinderung wie Ausgestoßene leben müssen. Dagegen setzen sich Jesuiten und Helfer rund um die Stadt Minia mit einem Reha- und Bildungszentrum ein.

Angst vor der „Strafe Gottes“

Die Vereinten Nationen schreiben es in ihrer Behindertenrechtskonvention längst vor: Jeder Staat muss an der Gleichberechtigung behinderter Menschen arbeiten. Doch von der viel beschworenen Inklusion, die etwa in Deutschland Schule macht, können Betroffene in Ägypten, wie in vielen Teilen der Welt, nur träumen. Sie werden ausgegrenzt, geächtet, leben in Armut und Scham. Gerade in den ohnehin strukturschwachen Landstrichen. Verfestigt wird die Diskriminierung durch tief verankerte Vorurteile in der afrikanischen Bevölkerung: Ein behindertes Kind gilt vielen Eltern als „Strafe Gottes“, die versteckt sein will. Mangels Schulbildung und Fördereinrichtungen landen etliche von ihnen als Bettler auf der Strasse.

Selbstbestimmtes Leben lernen

Behinderte in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen – das ist das Ziel von ägyptischen Jesuiten und der alteingesessenen Hilfsorganisation „Jesuits‘ and Brothers‘ Association for Development“. In Minia, 250 Kilometer südlich von Kairo, unterhält die Laien-Organisation dafür ein Rehabilitationszentrum. Hier können Mädchen, Jungen, aber auch noch Erwachsene ihrer Selbstbestimmtheit ein grosses Stück näher kommen: indem sie zunächst lernen, sich allein zu waschen und anzukleiden, ohne Hilfe zu essen, sich auszudrücken oder sich mit Hilfsmitteln fortzubewegen. Ausserdem erhalten sie in dem Zentrum eine Basis-Schulbildung oder kompakte praktische Ausbildungen. Die Mitarbeiter besuchen auch die umliegenden Dörfer, wo sie auf ihre Angebote aufmerksam machen und den Familien oft einen ganz neuen Blick auf die Behinderung des Kindes eröffnen.

Einer von zehn Nachbarn ist betroffen

So kann der Jesuitenpater Magdi Seif, der das Reha-Zentrum betreut, schöne Erfolgsgeschichten berichten: von jungen Leuten, die trotz ihrer Behinderung eine Familie gründeten, Friseur und Schuster wurden oder Ausbilder für die jüngeren Besucher des Zentrums. Die Region um Minia ist sehr ländlich geprägt, hat eine hohe Analphabeten- und Arbeitslosenquote. Jeder zehnte Einwohner ist körperlich oder geistig behindert. Eine relativ hohe Rate, die daher rührt, dass gefährliche Kinderkrankheiten oft unbehandelt bleiben und Folgeschäden hinterlassen. Politisch ist das Werben um Toleranz und Integration in der ägyptischen Gesellschaft in jüngster Zeit leider schwieriger geworden. Religiöser Fundamentalismus, Armut, Unsicherheit und Korruption greifen unter der reaktionären Regierung nach der Revolution von 2011 um sich. Trotzdem hält Pater Magdi Seif mit der Behindertenarbeit das Ziel der Jesuiten aufrecht: „Unser Ansatz in Minia ist, die Menschen, egal ob Christen oder Muslime, so zu stärken, dass sie selbst das soziale, kulturelle und spirituelle Leben in ihrem Dorf und ihrer Gemeinschaft aufbauen.“

Projekt Ägypten

Land:
Ägypten

Partner:
Pater Magdi Seif SJ

Zielgruppe:
Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen

Kontext:
Körperliche und soziale Befähigung zu grösstmöglicher Eigenständigkeit, Frühförderung, Schul- und Berufsausbildung, Familienbegleitung und Bewusstseinsbildung in der Region

So können Sie helfen: 

  • 6 Franken kostet eine Physiotherapiestunde
  • 35 bis 150 Franken kostet, je nach Art, eine Prothese
  • 80 Franken kostet ein Rollstuhl
  • 185 Franken betragen die Kosten für eine Kurzausbildung zum Schneider, Friseur oder Schuster, inklusive Anschaffung von Werkzeugen

Zerstörung in Minia

In der Nacht vom 14. auf den 15. August wurden bei Angriffen von Demonstranten Gebäude und Einrichtungen der Jesuiten in Minia zerstört.

Weitere Informationen:

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