Hilfe für syrische Flüchtlinge

Die Gewalt in Syrien eskaliert. Der Bürgerkrieg erfasst mittlerweile das ganze Land und droht die Region zu destabilisieren. Seit 2008 ist der Flüchtlings­dienst der Jesuiten in Syrien, Jordanien und in der Türkei aktiv. Bisher hat er vor allem irakische Flüchtlinge betreut und hilft jetzt auch syrischen Familien.

Warum so viele Menschen aus Syrien fliehen

Interview mit Nawras Sammour SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) in Syrien

Pater Nawras Sammour SJ schildert den Alltag der Menschen in Syrien. Rasant gestiegene Preise für Lebensmittel und Wasser, tägliche Stromausfälle und die Zerstörung der Häuser machen das Leben in einem Land, das seit vier Jahren unter Terror und Gewalt leidet, kaum noch erträglich. Pater Nawras Angaben machen verständlich, warum so viele Syrer weiterhin in die benachbarten Länder und – in geringerer Zahl (!) – nach Europa flüchten. Die Menschen sehnen sich nach Frieden und Stabilität, um wieder ein sicheres Leben im eigenen Land führen zu können.

Wie sieht der Alltag für die Menschen in Syrien momentan aus?

Abgesehen von den belagerten Gebieten ist die Situation in der Stadt Aleppo derzeit am schlimmsten, denn dort fehlt es an allem. Es ist schwierig, überhaupt etwas zu bekommen. Die meisten Familien sind auf die Unterstützung der verschiedenen Hilfsorganisationen angewiesen. Die Mangelernährung trifft jeden.

Es herrscht ein Mangel an Trinkwasser. Die Menschen müssen Trinkwasser in Tanks kaufen und zahlen 3 syrische Pfund pro Liter. Eine vierköpfige Familie benötigt mindestens 1.000 Liter pro Woche, so dass sie 12.000 syrische Pfund (umgerechnet 64 Dollar) im Monat für Wasser ausgibt. Dazu kommen – abgesehen von allen anderen Ausgaben des täglichen Lebens – 8.000 Pfund (42 Dollar) für einen Generator.

Die Menschen leben außerdem in ständiger Angst vor Mörserangriffen. Mörsergranaten können überall einschlagen, so dass Eltern Angst davor haben, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die Menschen bleiben also lieber in ihren Häusern. Angriffe mit schweren Raketen haben die Bewohner des Christenviertels von Aleppo dazu gezwungen, in Schutzräumen Zuflucht zu suchen. Sie haben alles verloren und mieten jetzt ein bis zwei Räume für 20.000–30.000 syrische Pfund (106-160 Dollar), was dem Gehalt eines Lehrers entspricht. Die Menschen haben alles verkauft, um zu überleben: Autos, Schmuck und andere Wertgegenstände. Den Syrern, die einst Ersparnisse hatten, geht nun das Geld aus.

Einige Familien haben sich entschlossen zu bleiben, bis die Kinder mit der Schule fertig sind. Das Gleiche gilt für Studenten, aber viele haben den Entschluss gefasst, ihre Heimat zu verlassen.

Homs ist die ruhigere Stadt für Binnenflüchtlinge, die zurückkehren möchten. Das Problem ist der Wiederaufbau der Häuser. Es gibt Menschen, die alles verloren haben. Vielen von ihnen fehlt das Geld, um ihre Häuser wieder aufzubauen, also kehren sie nicht zurück. Tagsüber können die Kinder in die Schule gehen. Die Schulen sind überfüllt. Die meisten schulischen Einrichtungen in den Städten sind durch Mörsergranaten beschädigt worden. Nachts ist es gefährlich, nach draußen zu gehen, denn es gibt keinen Schutz und man kann entführt werden. Es ist schwierig für die Menschen, sich in Homs frei zu bewegen.

Lebensmittel sind sehr teuer. Das Gehalt eines Lehrers liegt bei ungefähr 35.000 syrischen Pfund. Ein Kilogramm Fleisch kostet zwischen 2.500 und 3.000 Pfund (13-16 Dollar). Ein Monatsgehalt reicht also nur für 13 kg Fleisch. Die Menschen essen ein bis zwei Mal im Monat Fleisch.


In Damaskus haben wir jeden Tag mindestens 16 Stunden Stromausfall. 
Alle zwei bis drei Tage gibt es einmal täglich Trinkwasser.

Auch hier ist das Leben zu teuer. Die Preise für Lebensmittel, Gemüse usw. sind in Syrien fast überall gleich hoch. In Damaskus müssen wir jedoch kein Geld für Generatoren ausgeben, da acht Stunden Strom am Tag für die Wäsche oder eine Rasur ausreichen. Es ist okay, alle zwei Tage einmal Trinkwasser zu haben. Schulen und Universitäten, die nicht beschädigt wurden, sind in Betrieb. Vor zwei Wochen sind allerdings zehn Studenten der Fakultät für Ingenieurwesen in Damaskus durch Mörsergranaten getötet worden.

Unweit des Zentrums von Damaskus gibt es Kämpfe. Die Hauptzufahrtsstrasse nach Homs ist blockiert, so dass man nur über Umwege in diese Stadt gelangt.

Gibt es viele interne Flüchtlingsbewegungen im Land?

Es kommen regelmäßig intern Vertriebene nach Damaskus und in die Küstenregion. Die Mehrheit flüchtet aus den Daesh-Gebieten (Anm.: Daesh ist eine andere Bezeichnung für die Terrormiliz „Islamischer Staat“), um zu überleben. Wer die Ideologie der Daesh-Anhänger nicht akzeptiert, kann dort nicht leben.

Ein weiterer Grund für interne Flüchtlingsbewegungen sind die Bombardements in den von den Daesh-Anhängern kontrollierten Gebieten.

Sehen Sie einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft?

Wir leben in unsicheren Zeiten. Es ist allerdings klar, dass eine Lösung des Konflikts nicht mehr allein in den Händen der Syrer liegen kann. Frieden ist auf regionaler und internationaler Ebene möglich, aber nicht auf Landesebene. Die Bewohner Syriens sind nicht mehr in der Lage, eine Lösung herbeizuführen. Die Menschen sind ausgelaugt. Der Krieg in Syrien hat ein Stadium erreicht, das die Kapazitäten des Landes übersteigt.

Hat die Kirche hier eine prophetische Rolle?

Menschen, die guten Willens sind, bewirken immer noch sehr viel.

Der Krieg und der Verlust von allem haben bei einigen Kirchenführern zu einem stärkeren Bewusstsein und einem Glaubenswandel geführt. Viele Menschen sind konvertiert, als sie alles verloren haben. Einige haben sich wirklich verändert. Ich glaube, dass sich die prophetische Rolle in kleinen Gesten und Initiativen äußert. Viele Gemeinden und Organisationen – nicht nur der JRS – sind in der Lage, die Menschen zu erreichen, die vollkommen schutzlos sind; durch elementare Hilfe, die Verteilung von Nahrungsmitteln und anderen Gütern. Junge Vertreter von Ordens- oder Laienorganisationen wollen den Menschen nach wie vor helfen. Wir haben miterlebt, wie diese kleinen Gruppen und Initiativen zu Beginn des Krieges gewachsen sind. Mittlerweile sind es weniger geworden, aber sie sind immer noch da.

Wie sieht Ihre Vision für Syrien aus?

Syrien wird nicht mehr so sein wie vorher. Wir befinden uns in der Phase zu einem neuen Syrien. Lassen Sie uns alles dafür tun, ein erneuertes Syrien entstehen zu lassen, das seiner Geschichte alle Ehre macht und wieder zu dem integrativen Land wird, das es einmal war. Meine Hoffnung ist, dass das neue Syrien seine Schönheit als Brücke zwischen Ost und West widerspiegelt, multikulturell und multireligiös – so wie es vor dem Krieg war.

Das ist meine Hoffnung. In dieser Vision, die alle mit einschliesst, ist kein Platz für solche, die andere ausschliesen.

Danke für Ihre Hilfe! 

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