Jesuitenmission in Lateinamerika im 17. und 18. Jahrhundert – was geht uns das heute an?

Sehr viel, finden wir. Wer zum Beispiel in Zürich in ein Flugzeug steigt und in einer südamerikanischen Metropole wieder landet, wird schnell auf die Geschichte der europäischen Eroberungen und der Christianisierung stossen. Mit der Landesprache, Spanisch oder Portugiesisch, fängt es schon am Flughafen an. Und unser Orden, die Gesellschaft Jesu, war Teil dieser Geschichte.   

Die Jesuiten kamen Ende des 16. Jahrhunderts nach Iberoamerika. Knapp 200 Jahre später, 1767 mussten sie den Kontinent auf Druck des spanischen Königs wieder verlassen. Zwischen 1609 und 1767/1768 schufen sie in Teilen Südamerikas ein viel diskutiertes Siedlungssystem für die indigene Bevölkerung – auch Reduktionen genannt.

In der Region zwischen dem Rio Paraná, dem Rio Uruguay und dem Rio Paraguay gab es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts rund 30 solcher Missionsdörfer mit mehr als 100’000 Einwohnern indigener Herkunft. Mit der Deportation der Jesuiten 1767 war formal Schluss mit diesen Dörfern. Doch die Reduktionen wirkten nach. Sie hatten einen komplexen Transformationsprozess in der Lebensweise der Einheimischen ausgelöst, es entwickelte sich dort auch eine ganz eigenständige Kirchenarchitektur und Musik, in Bolivien werden die Kirchen der Dörfer auch heute benutzt. Man kann die Kultur der Reduktionen in diesem Jahr auch in der Schweiz kennenlernen und erleben. Denn 2017 nehmen wir das Ende der Jesuiten-Reduktionen vor 250 Jahren zum Anlass für ein Gedenkjahr mit Konzerten, Theater- und Filmvorführungen und einer Historiker-Tagung an der Universität Fribourg.

Übrigens: Zwölf Jesuiten-Reduktionen gehören heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Sechs südamerikanische Länder haben erst kürzlich die touristische Ruta Jesuitica (Jesuiten-Route) durch die Länder Brasilien, Uruguay, Argentinien, Paraguay, Bolivien und Chile eröffnet. Zudem gibt es die Ruta Hans Roth, einem Schweizer Architekten (1934 – 1999), der gemeinsam mit dem Jesuiten Josef Herzog SJ viele Jahre Kirchen von Chiquitos restaurierte und das traditionelle Handwerk und die Musik in Chiquitos neu belebte. Seit 1996 findet alle zwei Jahre ein internationales Musikfestival statt, dass die Musik der Jesuitenmissionen neu belebt. Das Thema ist also da. 

Und wo ist die Brücke vom 21. Jahrhundert zur Mission vor 50 Jahren?

Mission bedeutet für uns heute die respektvolle Begegnung mit dem Fremden und die Anwaltschaft für alle am Rande der Gesellschaft. Unter dem Titel «Mision Guaraní» arbeiten wir gemeinsam mit den deutschsprachigen Partnerorganisationen an Bildungs- und Sozialprojekten in zehn Dörfern Lateinamerikas. Zudem unterstützen wir das von Jesuiten gegründete Schulwerk Fe y Alegría, das seit Jahrzehnten in ganz Lateinamerika ein fester Begriff ist und nun auch in Afrika etabliert wird. 2017 nehmen wir vor allem Paraguay in den Blick, wo in 36 Schulen rund 15’000 Schülerinnen und Schüler ausgebildet werden. Viele, die dort leben, wo der Asphalt aufhört, wo Armut und Gewalt den Alltag prägen, holen hier ihren Schulabschluss nach.

Pater Kurmann SJ

Missionsprokurator und Präsident der Stiftung Jesuiten weltweit in Zürich

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