Jesuit Volunteers

Sich auf den Weg machen, in eine neue Kultur eintauchen, in einem Sozialprojekt der Jesuiten mitarbeiten, sich für mehr Gerechtigkeit in unserer Einen Welt einsetzen – all das können Sie für ein Jahr als Jesuit Volunteer. Unser internationaler Freiwilligendienst richtet sich an Erwachsene ab 18 Jahren.

Neu in der Dominikanische Republik: Im Gespräch mit den Volunteers Noemie und Nikolai

Noemi Issartel
Nikolai Stephan


Wie war die Vorbereitung auf euren Einsatz?

Die Vorbereitungen auf den Einsatz begannen knapp ein Jahr vor der Aussendung und beinhalteten fünf mehrtägige Vorbereitungskurse in Süddeutschland. Täglich setzten wir uns mit den Themen Gerechtigkeit, Solidarität, interkultureller Austausch, Armut und Freiwilligendienst kritisch auseinander, wobei wir stets durch die anderen Freiwilligen und durch das Team zur Reflexion der eigenen Gedanken und Handlungen angehalten wurden. Das JV-Team vermittelte von Beginn an, dass ihnen offene Kommunikation, Ehrlichkeit und Vertrauen am Herzen liegen, sodass sich dies auf die Gruppe übertragen und ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen konnte. So wurde nebst der inhaltlichen Auseinandersetzung viel und gerne zusammen diskutiert, gelacht, ausgetauscht und gespielt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Vorbereitung waren die Morgen- und Abendimpulse, wobei durch einen Freiwilligen angeleitet auf den vorliegenden respektive den zurückliegenden Tag geschaut wurde. Während den Impulsen konzentrierte sich jede und jeder auf seine momentanen Empfindungen, seine Ziele und Beziehungen in einer möglichst wertfreien, achtsamen Weise.

Der Höhepunkt und Abschluss der Vorbereitung bildete die Aussendungsfeier in deren Rahmen Familienangehörige und Freunde zu leckerem Essen und anschliessendem Gottesdienst eingeladen wurden. Die Teilnahme der Angehörigen verdeutlichte uns Freiwilligen ihre Unterstützung und gab uns ein Gefühl der Sicherheit zur unbeschwerten Ausreise. Die Informationsvermittlung wie auch der persönliche Kontakt mit dem JV-Team half den Angehörigen mit einem sicheren Gefühl loslassen zu können und sich selbst als Teil dieses Einsatzes zu sehen.

Wie ist es euch nach der Abreise ergangen?

Der Abschied fühlte sich bittersüss an, hin und her gerissen zwischen Aufbruchsstimmung, Vorfreude und dem Bewusstsein darüber meine Familie und Freunde während einiger Monate nicht zu sehen. Die Reise fühlte sich unwirklich an, ich konnte die Situation emotional nicht erfassen. Beim Transfer in Madrid erhielten wir den ersten Eindruck der dominikanischen Kultur als wir mit anderen Fluggästen auf den Abflug warteten: wir fühlten uns ein wenig fremd, nicht zugehörig, anders. Dieses Gefühl blieb in den ersten Wochen bestehen. Ich glaube, dass die Luftfeuchte, die neue Umgebung, die Sprachbarrieren und weitere Faktoren so auf unsere Gedächtnisse geschlagen haben, dass wir uns nicht mehr an Einzelheiten der ersten Tage erinnern können. In unserer Erinnerung, und diese ist sicherlich lücken- und fehleranfällig, sehen wir uns wie neben uns stehend, automatisch agierend, in dem vorgegebenen Trott mitgehend. Wir erinnern uns an einen Strudel von Bildern, Gefühlen, Geräuschen und Erinnerungsfetzen, die sich miteinander vermischen. So, vermutlich, fühlt sich ein Kulturschock an. Mit dem Alltagstrott, den verbesserten Sprachkenntnissen, den neuen Kontakten und den Aufgaben im Pastoral kamen auch die ersten Momente des Sich-Zuhause-Fühlens. Mit jedem Tag, der im Flug vorbeizog, fühlten wir uns ein Stück mehr zuhause in der neuen Heimat.

Was genau macht ihr dort?

Den ersten Monat besuchten wir täglich den Spanisch-Unterricht. Unsere Spanisch-Lehrerin war die Schwester einer Mitarbeiterin des Pastoral Materno Infantil (Projektpartner) und stand uns neben den sprachlichen Hindernissen auch bei allen kulturellen Hürden und Unverständlichkeiten zur Seite.

Nach diesen ersten Eingewöhnungswochen besuchten wir die Casas Infantiles, sogenannte Vorschulen für Kinder zwischen drei und fünf Jahren. Diese insgesamt vier Vorschulen in den ärmeren Stadtteilen von Santo Domingo haben das Ziel, die Kinder im Sinne einer Chancengleichheit auf die Primarschule vorzubereiten.

Seit mehreren Wochen beobachten wir nun das Geschehen und versuchen die Lehrerinnen zu unterstützen. Unter anderem sind wir für die Abklärung und Förderung von Kindern mit speziellen Bedürfnissen zuständig.

Daneben erstellten wir eine Analyse des Gesehenen mit den Zielen einerseits den Stress der Lehrerinnen zu reduzieren, andererseits die Kinder entsprechend ihren Umständen adäquater zu fördern. Das Konzept erstellten wir vor dem Hintergrund geringer finanzieller Mittel und der Bedürfnisse aller Beteiligter. Es enthält Ideen wie die Weiterbildung der Lehrerinnen in einer spezifischen Pädagogik (Uerê-Mello-Pädagogik), die Einführung des Konzeptes der “bewegten Schule”, Förderung einer gesunden Ernährung und die Suche nach psychologischer Unterstützung für die Betreuung der Kinder mit speziellen Bedürfnissen wie kognitive Defizite, Hyperaktivität und so weiter.

Wir konnten das Konzept bereits der zuständigen Mitarbeiterin des Pastoral präsentieren und versuchen das Konzept voraussichtlich in den nächsten zwei Wochen den leitenden Jesuiten der Casas Infantiles näher zu bringen.

Was erlebt ihr an Schönem und weniger Schönem?

Was ist denn schön? Klar, wir könnten an dieser Stelle von den süssen Früchten, dem dominikanischen Humor und der optimistischen Lockerheit schwärmen, doch stützen wir uns lieber auf Thukydides ab: “Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.” So ist das Schöne an guten Tagen noch schöner und das Schwierige erträglicher. Wobei das Umgekehrte für die weniger guten Tage gilt. So geniessen wir an guten Tagen die spannenden Diskussionen mit den Mitarbeitern während wir die kulinarischen Köstlichkeiten verschlingen. Und auch unser Optimismus und unsere Hoffnung bleiben beim Gedanken an diesen verworrenen Klüngel an ungelösten Schwierigkeiten und Hürden ungebrochen.

Fasziniert euch etwas am Land und den Menschen?

Uns fasziniert der scheinbar unerschütterliche Wille und die feste Überzeugung der Mitarbeiter, sich für Andere einzusetzen und gemeinsam an einer Verbesserung zu arbeiten.

Wie findet ihr das Volunteer-Programm jetzt nach drei Monaten?

Die Vorbereitungsseminare empfanden wir als inhaltlich fundiert und spannend umgesetzt. Uns gefielen der offene, vertrauensvolle Umgang, die Reflexionsarbeit und die inhaltlichen Diskussionen. Was wir in den Monaten hier vor Ort zu schätzen gelernt haben, ist die erfahrene, empathische und zuverlässige Unterstützung durch unsere Betreuungsperson in Deutschland.
Es ist für uns jedoch schwierig, jetzt während des Einsatzes zu beurteilen, wie wir das gesamte Programm als Freiwillige sehen. Dies wird wohl erst im Verlauf, respektive nach dem Einsatz, mit der nötigen Distanz und dem gut gefüllten Rucksack an Erfahrungen möglich sein. Ausserdem würde uns interessieren, wie die Projektpartner vor Ort die Zusammenarbeit respektive das Programm wahrnehmen.

Was möchtet ihr in der Zeit bis zum Juni 2017 noch alles machen beziehungsweise schaffen?

Wir hoffen, dass wir weiterhin den offenen, ehrlichen Austausch mit den Lehrerinnen der Casas Infantiles und mit den Mitarbeitern des Pastorals aufrechterhalten können. Denn dies stellt für uns die Basis für eine langfristige Zusammenarbeit dar. So hoffen wir, dass wir mit der gemeinschaftlichen Arbeit am Konzept und dessen Umsetzung eine positive Veränderung für alle erwirken können.
Daneben arbeiten wir daran, alles bisher Unverständliche und für uns Fremde besser verstehen zu können und so immer mehr ein Teil dieser Heimat zu werden. Über diesen Prozess der Integration, die damit verbundenen Hürden und Erfahrungen möchten wir auch weiterhin in unserem Blog (www.losdosensantodomingo.wordpress.com) berichten und so hoffentlich eine etwas andere Perspektive auf diese Kultur ermöglichen.

Artikel von Andrea Gisler in der feministische-theologischen Zeitschrift FAMA (Februar 2016)

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Unser Team für die Jesuit Volunteers

Wir, ein Team der drei deutsch­­sprachigen Jesuiten­missionen, sind gemein­sam für die Frei­willigen zuständig. Wir freuen uns über Ihr Interesse!